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1. Februar 2010

   

Sprechen wir also von Ramsch!

von Helmut Bense


Mit einiger Rührung las ich im letzten Blog (18.1.2010) des trefflichen Kollegen Axel Otto, wie dieser mit einer Formulierung von bestechend unauffälliger Eleganz - "die Sekundärverwertung von Titeln ..., deren Preisbindung aufgehoben worden" - zur Stelle war, wo alle Welt, auch der entschieden kleinere, weil feinsinnigere Teil derselben schlicht von "Ramsch" zu sprechen sich angewöhnt hat. Nicht ohne Wehmut gedachte ich meiner früheren Jahre in eben diesem "sekundärverwertenden" Gewerbe - wie vielen Kunden hatte ich doch das Unwort "Ramsch" oder auch "Grabbeltisch" zurückgestoft ins freche Maul, mochte die dahinter stehende Figur auch von Kopf bis Fuß behangen sein mit Pelzen, Goldschmuck oder akademischen Titeln. Ein gutes Vierteljahrhundert hat mich da milder gestimmt oder die mit Ionesco gewonnene Gewissheit, dass man die Absurdität der Welt nur anzunehmen brauche, um sich ganz gut in ihr, der Welt, zurecht zu finden.

Sprechen wir also von Ramsch.

Aus drei Quellen vorrangig speisten sich zu meiner Studienzeit Wissensdurst und Hunger auf Ästhetik: Da waren die Bibliotheken, zuständig für die (ernste) Wissenschaft, die verschiedenen Reihen des Suhrkamp-Verlages mit gestempelten Mängelexemplaren für die "vision du monde" und für "Klassiker" aller Art schließlich wohlfeile DDR-Ausgaben, meist aus dem Hause Aufbau, deren tadellos blendfreies Papier der LVZ-Druckerei "Hermann Duncker" Leipzig sich hervorragend bewährte, etwa an den Stränden Frankreichs oder Griechenlands, die für den Studenten damals (so hießen sie noch) die weite Welt bedeuteten.

Noch heute klemmen Dutzende Exemplare der "Bibliothek deutscher Klassiker" in meinen Regalen, schnell zu erkennen an ihrem zierlichen Format, den Leinenrücken mit goldgeprägtem Namen der Autoren, dem ziselierten Reihentitel BDK sowie dreifach einer Vignette, die wohl Lorbeer darstellen muss.

Und: Einige von ihnen stehen nun auf meinem Angebotstisch in der Grindelallee, ordentlich verpackt in zwei Kassetten, im Hause Aufbau schon mit einer Preissenkung geadelt und nunmehr, - unter dem Diktat der Sekundärverwertung - mit einem Preis ausgestattet, der einer Welt Hohn spottet, in der ein Pappbecher Kaffee zum Verschütten auf der Straße nicht unter drei Euro circa zu haben ist.

Sprechen wir also von Ramsch.

Da ist die erste Kassette, deutsche Klassiker beinhaltet sie: Fontane, Droste-Hülshoff, Hölderlin, Kleist, Raabe, Heine, E.T.A. Hoffmann, Storm, Schiller, Eichendorff, Mörike und auch Goethe. Zwölf Büchlein sinds, für jeden Autoren, resp. -in, eine vertretbare Auswahlausgabe der gelungensten Werke in schmuckem, festen Einband.

Und da die Bibliothek der Weltliteratur; ebenfalls zwölf Bände sind es, von denen zwei entfallen auf Alessandro Manzoni: Die Verlobten. Desweiteren Cervantes: Don Quixote; Jane Austen: Emma; Maupassant: Bel-Ami; Diderot: Die Nonne; Flaubert: Madame Bovary; Dostojewski: Schuld und Sühne; Turgenjew: Väter und Söhne; Gogol: Die toten Seelen und Walter Scott: Ivanhoe.

Da stehen sie nun, die vierundzwanzig Bände in zwei Kassetten zu jeweils € 29,95 auf meinem Angebotstisch und wenden die Rücken, die zeitgemäßerweise ihrer Goldprägung verlustig gegangen sind, einem Publikum, dem sie gefallen wie Heine einst die Stadt Göttingen gefiehl, am besten nämlich beim Anblick mit den eigenen Rücken.

Sprechen wir also von Ramsch - und gedenken stille (erneutes leichtes Nicken in Richtung Axel Otto) des, dieser Kostellation innewohnenden prosaischen Chiasmus. Lesen kann man schließlich auch Stephenie Meyer: bis(s) zum Verrecken.

 

 

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Kommentare:


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