Noch ein Buch über Schule? War das nötig und was gibt es Neues zu berichten über eine Institution über die jede/r glaubt mitreden, kritisieren und urteilen zu können. Über meine eigene »Schulkarriere« gibt es nichts Überraschendes zu berichten: 9 Jahre (fand damals noch niemand zu lang!) auf einem durchschnittlichen SPD-Filz-Ruhrpott-Gymnasium. Nichts war in den Jahren 1973-1982 ferner als die »Eliten-Bilden-Diskussion«, ich hatte als Arbeitertochter viele Freundinnen in der gleichen Situatuion und kam mir alles andere als privilegiert vor. Nur »gute« und »schlechte« Schüler (ja, ja, die Mathematik hatte es mir damals besonders angetan…) gab es damals auch schon. Und genau da kommt Pennac ins Spiel.
Pennac geht die ganze Sache sehr pateiisch an, er setzt den schlechten Schülern ein Denkmal. Auch sich selbst, seiner eigenen Geschichte,dem »Schmerz,nichts zu begreifen«, seinen Schwierigkeiten als Legastheniker hinter die Magie der Buchstaben zu kommen.
Er durchläuft »versteinert, mit dumpfem Hirn aufs Blatt starrend« verschiedene Schulen, braucht für sein Abitur mehrere Anläufe und wird dann - Lehrer!
Aus dieser bitteren Erfahrung weiß er was Kummer (franz.chagrin) ist. Wer Kummer gewöhnt ist der fällt nicht mehr aus allen Wolken wenn die Dinge nicht mehr rund laufen. Kummer lähmt nicht, sondern lässt hoffen.
Erziehung zum Kummer heißt für Pennac zweierlei: Den ohnehin schon Kummervollen die Angst nehmen die sie hindert etwas zu begreifen.
Und auf der anderen Seite denen die vermeintlich »locker« durch die Schule laufen Kummer begreiflich zu machen, ihre Erwartungen auf ein realistisches Maß zu kürzen, ihre Verwöhntheit zurechtzustutzen.
Den Vorwurf er säße im gutbürgerlichen Elfenbeinturm entkräftet er selbst: »Ihr habt ja recht, ja, die Arbeitslosigkeit, ja, die Ghettoisierung der Ausgegrenzten, das Aufeinanderocken der verschiedenen Zuwandererguppen; ja, der Terror der Markenprodukte, die alleinerziehenden Väter und Mütter, ja, ja,ja.
Aber hüten wir uns davor, das Einzige zu unterschätzen, worauf wir persönlich einen Einfluß haben: die Einsamkeit und die Scham der Schülers, der nichts versteht, während um ihn herum alle zu verstehen scheinen.«
Ein, wie die F.A.Z. meint »aufreizend antipsychologisches, antistrukturalistisches, antideterministisches Meisterwerk« -nicht nur für Lehrer.
Daniel Pennac: Schulkummer